Mein Stilfserjochlauf 2018

Es ist morgens kurz nach 6.00 Uhr. Eine unruhige Nacht liegt hinter mir. Die Selbstzweifel hatten mich wieder erreicht. Wie seit Jahren bei jedem Lauf. Der italienische Wetterdienst meldet für heute einen wolkenlosen Himmel mit bis zu 30 Grad.

Doch das zählt nicht für den Ort, an dem ich mich gerade befinde. Ich stehe zusammen mit zwei Italienern und einem Schweizer in knapp 2800 m Höhe auf einem Parkplatz am Stilferjoch und friere. Wir möchten gerne runter zum Start ins Tal. Aber der versprochene Bus lässt auf sich warten. Die Zeit verrinnt und die Nerven werden immer angespannter. Nach einer haben Stunde versuchen wir es per Autostop, was aber nicht gelingen kann, weil die Passstraße, die wir später teilweise wieder hochlaufen müssen, bereits gesperrt ist. Einer der Italiener entschließt sich sein nahestehendes Auto zu holen und wir rasen mit ihm wie die Henker ins Tal. Keine 10 Minuten vor dem Start haben wir unser Ziel erreicht.

Die Abgabe des Kleiderbeutels und den Gang zur Toilette erledige ich im Spint. Als Sekunden später der Startschuss fällt, begehe ich den größten Lapsus meines bisherigen Läuferlebens. Ich laufe auf den Marathonläufern los, obwohl ich für die 26 km Bergstrecke gemeldet hatte. Erst nach zwei Kilometern bemerkte ich meinen Irrtum und drehte entsetzt um.

Da entdeckte ich am Straßenrand einen Mann mit Motorroller. Ich erklärte ihm kurz mein Missgeschick, er lacht, und schon sitzen wir auf seinem Gefährt zurück zum Start. Bei der ersten Unebenheit fliegt mir die Kappe weg. Ein Utensil, das man heute aber unbedingt tragen sollte. Aber Dank der Sorgfalt meiner Frau, habe ich noch ein Halstuch dabei. Besser als nichts.

Mit gut 25 Minuten Verspätung bin ich endlich im richtigen Rennen. Bei einem anderen Lauf hätte ich wahrscheinlich aufgegeben, aber hier und heute war das keine Option. Selten hatte ich mich auf ein Rennen so intensiv vorbereitet wie auf dieses, dazu 10 kg abgehungert, stundenlang Berge bestiegen und mit einer Maske auf Mund und Nase tausende Treppenstufen hochgetrabt. Seit Jahren hatte ich die Passstraße zum Stilfserjoch nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Dort wo Fahrradfahrer verzweifeln und Motoren von Autos in den roten Bereich kommen, dort wollte ich einmal im Leben hochlaufen.  Mit ein paar zusätzlichen Schikanen warteten 2400 Meter Höhendifferenz auf mich.

Da bei so einem intensiven Lauf nur wirklich erfahrene Läufer teilnehmen, war mir klar, dass ich wohl die ganze Strecke nur hinterher laufen werde. Obwohl bereits die ersten Anstiege gewaltig sind, bin ich guten Mutes. Nach drei Kilometern erkenne ich in der Ferne den ersten Schatten eines Läufers. Später sehe ich an der Farbe seiner Startnummer, dass wir zumindest im gleichen Rennen sind. Beruhigend. Aber eigentlich stimmt das Wort Rennen nur noch teilweise. Oft ist man schon glücklich ohne Pausen gehen zu können. Aber die richtigen Anstiege kommen ja erst noch. Die letzten schattenspendenden Bäume verschwinden und nun geht es gnadenlos aufwärts.

Aus Wegen werden nun steile Geröllfelder. Die Vegetation wechselt und immer neue Pflanzenarten tauchen auf. Bei etwa 2500 Meter Höhe  erreicht der Weg seinen höchsten Punkt. Gott sei Dank,  denn ich bin völlig ausgepumpt. Inzwischen ist Leben auf der Strecke gekommen, denn die ersten Marathonläufer sind am überholen. Eines ist in den Bergen anders als bei normalen Läufen. Wer zwischendurch eine Pause einlegen muss, wird sofort von den Mitläufern umsorgt. Keiner läßt den anderen im Stich.

Eigentlich wäre man jetzt schon nahe am Ziel, aber man schickt uns erst einmal um 300 Höhenmeter runter auf die Passstraße zur letzten Zeitkontrolle. Wer hier zu spät ankommt, wird aus dem Rennen genommen. Aber keine Panik, ich liege über eine Stunde vor dem kritischen Zeitpunkt.

Von hier aus sind es noch genau 7 km und die schönsten 24 Kehren der ganzen Alpen. So jedenfalls steht es im Reiseführer. Mein anfänglicher Übermut ist schnell zu Ende. Nach den ersten beiden Kurven muss ich wieder gehen. Spürbar wird die Luft von Kehre zu Kehre dünner. Auch mein Magen scheint des Laufens überdrüssig und stellt die Aufnahme von Essen und trinken komplett ein. Alle die ich auf den letzten Kilometern überholt habe, ziehen nun wierder an mir vorbei. Widerstand leiste ich nicht mehr. Warum auch, ich bin noch immer sehr gut in der Zeit. Irgendwann hält neben mir der Bus für Aussteiger. Aber so schlecht kann es mir gar nicht gehen, um wenige Kilometer vor dem Ziel, vielleicht in den Bus zu steigen, der mich am Morgen, im Stich gelassen hat.

Wie eine wundervolle Melodie klingen die Kuhglocken schon weit vor dem Zielbereich. Mein Gang ist schleppend und ich bin froh, dass mich wahrscheinlich  keiner hier ober kennt.  Und es stört mich auch nicht mehr, dass der Sprecher beim Einlauf den Namen Pirmasens völlig falsch betont. Kein grüner, kein blauer und auch kein roter Teppich kann die Zielankunft auf einem Gipfel ersetzen. Der weite Blick nach unten ist ein Leistungsnachweis den man selbst nur schwerlich begreifen kann. Kein lauter Aufschrei nur große Dankbarkeit an Körper und Geist für das Durchhaltevermögen auch in schwersten Mömenten

Hinter der Ziellinie denke ich an die Worte des Philosophen Victor Hugo der einst einmal sagte: „Nichts auf der Welt ist so mächtig, wie eine Idee deren Zeit gekommen ist“. So wie damals die Idee, den höchsten Pass Italiens zu Fuß zu überqueren.

 

Zeit 7:42 Std. bei 30,9 Kilometern

 

Hans Pertsch Juni 2018

Veröffentlicht auch in der Pirmasenser Zeitung


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