Mein Zürich Marathon 2006

. . . endlich unter 4 Stunden

Irgendwann erwischt es jeden Läufer einmal. Der Wettergott hat seinen schlechten Tag.
Der strahlenblaue Himmel und angenehme Temperaturen bei der Anreise in die Schweiz ließen Hoffnungen auf einen frühlingshaften Lauf am Sonntagmorgen aufkeimen. Wohl niemand glaubte dem Wetterbericht der permanent von einem kommenden Tief in der Nordschweiz berichtete.
Aber es kam. Der leichte Schneefall der Nacht war in einen Dauerregen übergegangen. Die Temperaturen waren unter 5° gesunken, aber die gefühlten Werte waren wohl noch viel tiefer.
Am Startplatz bot sich ein ungewöhnliches Bild. Läufer, Helfer und Zuschauer suchten Unterschlupf von Nässe und Kälte. Versorgungszelte des Roten Kreuzes, Tankanlagen einer nahegelegenen Tankstelle und die Unterführung zum Bahnhof wurden kurzerhand in Wartezonen umgewandelt. Erst kurz vor dem Start ließen sich die ersten Läufer auf der Straße sehen.

Zu meinem Erstaunen hatte die Stimmung aber trotzdem eine gewisse Heiterkeit die ich Angesicht fröstelnder Arme und Beine kaum teilen konnte.

Pünktlich um 8:30 schickte der Knall der Startpistole 5363 Läuferinnen und Läufer in die Regenschlacht. Bereits nach wenigem Minuten gab es am Körper wohl keine trockene Stelle mehr.
Was der Himmel nicht schaffte, schaffte das Spritzwasser der Mitläufer. Da aber der Mensch ein Gewohnheitstier ist, arrangierte man sich aber schnell mit dem Unwillen der Natur.
Ich war am Start perfekt weggekommen und so lagen die ersten messbaren Zeiten weit unter meinen Vorgaben. Es fiel mir merklich schwer bis KM 21 nach meinen Richtzeiten zu laufen.
Aber meine vorherigen Läufe gingen mir nicht aus dem Kopf. Jedes mal war ich zu schnell angegangen und am Schluss fehlte mir die Kraft.
So entschied ich mich bis KM 30 einen Gang zurück zu schalten . Ich schloss mich
Läufergruppen an die keinen besonders großen Kämpferstiel hatten. Außerdem war es sehr angenehm im Windschatten zu laufen, denn Kühle und Nässe hatten inzwischen meinen Beinmuskeln zu schaffen gemacht. Während ich beinahe ängstlich darauf lauerte, dass jenseits von KM 30 bei mir die ersten Ausfallerscheinungen einsetzen würden, kam es ganz anders.

Zusehend mehr Läufer mussten den äußeren Umstanden Tribut zollen. Immer größer wurde die Menge der laufenden und humpelten Mitstreiter.
Aber nicht nur Die. Einige der extra arrangierten afrikanischen Spitzenläufer gaben das Rennen entkräftet auf, andere fanden sich im Ziel inmitten von Volksläufern wieder. Nicht jedoch Tesfaye Eticha aus Äthiopien. Der in Genf lebende Afrikaner war wohl bestens mit dem Klima vertraut und lief nach 2:12.39 Std als Sieger ein.

Von der malerischen Kulisse des Züricher Sees wurden die Läufer ebenso wenig beglückt wie von der historischen Gebäuden in der Züricher Innenstadt durch die die Strecke über die letzten Kilometer lief. Trotz des schlechten Wetters fanden sich in aber größere Menschenmengen ein, die dem Lauf doch noch das Flair eines Großstadtmarathons verleihen.
Bei KM 40 hat mich dann noch einmal der Mut gepackt. Die letzten beiden Kilometer lief ich mit mindestens der gleichen Geschwindigkeit wie zu Beginn des Rennens. Glücklich aber nicht übermäßig kaputt überquerte ich die Ziellinie.

 

Mit 3:56 Stunden war ich nicht nur meinen bisher schnellster Marathon gelaufen sondern auch mein klügstes Rennen.
Da ich mich für eine Ernährungs-Studie der Universität Zürich zur Verfügung gestellt hatte musste ich zu einer Blutabnahme und einem Gewichtstest vor und nach dem Rennen.
Ein Kuriosum dabei war, dass ich nach dem Lauf exakt 300 Gramm mehr gewogen habe, als vor dem Lauf. Hier bin ich auf das Ergebnis und die Begründung gespannt. Meine Bange vor einem labilen Kreislauf bei der 2.Blutabnahme war unbegründet. Das lange Suchen nach einer brauchbaren Vene an meinem eiskalten Arm überstand ich lächelnd. Das Ergebnis liegt vor.
Wohl die Psyche war an diesem Tag ausschlaggebender wie die Kraft. Nur mit dieser Stärke ist es wahrscheinlich möglich sich selbst zu erklären, warum man 4 Stunden freiwillig bei Regen und Kälte einen Sonntagvormittag auf der Straße verbringt.


Hans Pertsch 10.4.2006

 


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