Mein Rennsteig Marathon 2013

                        . . . mit 43, 5 Kilometern eigentlich ein Ultralauf

Nicht immer müssen es die großen Citymarathons sein, die Läufer in Ihren Bann ziehen.
Es gibt Orte deren Namen 363 Tage im Jahr im Niemandsland von Landkarten tristen, aber an den restlichen zwei Tagen, Tausenden von Läufern Glanz und Glimmer in die Augen treiben.
Eine dieser großen Sportlegenden ist der Rennsteiglauf mit seinem Ziel im verträumten Schmiedefeld im Thüringerwald.
Die Ursprünge dieses Laufes gehen noch auf eine Zeit zurück, in der es alles andere als selbstverständlich war, dass jedermann in Deutschland den Ort seine sportlichen Aktivitäten frei bestimmen konnte. Zu DDR Zeiten war es westdeutschen Sportlern nicht gestattet am Rennsteiglauf teilzunehmen. Mit allen möglichen Tricks schafften es jedoch immer wieder einige, trotzdem am damaligen „Freundschaftslauf“ teilzunehmen. Längst ist der Lauf auch international angekommen, 2013 waren 35 Nationen am Start.

Die Könige des Rennsteiglaufes sind unumstritten die Super-Marathonläufer. Ihr Start ist früh morgens in Eisenach und ihr Ziel abenteuerliche 72,7 Kilometer weit entfernt.
Kaum weniger populär ist der „Babylauf“. Es ist ein Marathon über 43, 5 Kilometer. Rein theoretisch, also ein echter Ultralauf. Er startet traditionell in Neuhaus am Rennweg lautstark unter den Klängen vom Rennsteiglied und gemeinsamen Schneewalzereinlagen der ganzem Läuferschar.
Mitten unter diesen 3000 fröhlichen Marathonis stand auch Hans Pertsch, 60 Jahre vom ET Pirmasens
Und so hat er seinen Marathoneinstand am Rennsteig gesehen.
Es ist mit heiß ums Herz aber eiskalt an den Händen. Als Optimist hatte ich wieder einmal nur die Sommerlaufsachen eingepackt. Gestern entdeckte ich beim Einkaufsbummel noch lange Überzieher für die Arme, so bin ich wenigsten an den Armen ein bisschen geschützt.

Trotz intensivem Training habe ich mich entschieden nicht die ganz lange Strecke zu laufen.
Das hat meine Nerven sichtlich beruhigt und mich in den letzten Nächten viel besser schlafen lassen. Aber auch die 43, 5 Kilometer sind eine Distanz die ich noch nie gelaufen bin.
Der erste Kilometer ist für mich ein Albtraum, denn es gleich richtig bergauf. Hier lasse ich mich bereits zu meiner ersten Hochrechnung hinreißen „so jetzt musst Du nur noch einen Marathon zu laufen“, ist die ernüchternde Antwort. Aber langsam wachen die Beine auf und die ersten Kilometer vergehen wie im Fluge.


An der ersten Verpflegungsstelle versucht man mit aller Überzeugungskraft mich von den „Flügeln“ die Haferschleim entfalten soll, zu überzeugen. „nee, nee, war der Bauer nicht kennt ...“ denke ich, und bleibe lieber meinem eigenen Gemisch treu.
Endlich wechseln wir auf den „echten“ Rennsteigboden.

Es ist nicht zu übersehen, dass 4000 vorauseilende Beine gewaltige Spuren hinterlassen haben. Aus harmlosen Waldwegen wurden glatte Pisten. „Die Langsamen straft das Leben, so sind eben die Regeln“, philosophiere ich auf der Suche nach den trocken Stellen des Weges.
Überholen ist teilweise nur den ganz Mutigen vorbehalten. Bei manchen Läufern fallen mir Fernsehbilder aus früheren Jahren ein, als matschbedeckte Querfeldein Radrennfahrer noch die sonntägliche Sportschau .beherrschten.
Und obwohl ich eigentlich als König der Stürzer gelte, blieb mein Laufshirt an diesem Tag (nahezu) blütenweiß.

Die schlimmen Wettervoraussagen haben sich nicht bestätigt. Zwischenzeitig kommt sogar die Sonne durch und ich empfinde kurzfristig, dass meine Kleiderwahl mal wieder genau richtig war.
Die meisten Passagen den Rennsteigweges befinden sich aber in einem Topzustand. Hier macht laufen richtig Spaß. Der einzige Haken dabei sind die immer wiederkehrenden Anstiege. Das Schnaufen wird tiefer und die Pausen werden länger. Und irgendwann ist es soweit, dass man sich dem kollektiven gehen einfach nicht mehr entziehen kann. Trotz vieler Athleten herrscht Ruhe im Wald.

Ein Indiz dafür, dass auch viele Läuferinnen wahrscheinlich vom Virus der Müdigkeit befallen sind.
„Einmal habe ich unterwegs sogar geschlafen“, gestehe ich mir ein. Und zwar an der 42 Kilometer Markierung. Ab diesem Punkt gilt der Ultrabereich im Marathon, also wahrlich ein Grund zum Anstoßen und feiern.


Das Bier dazu wäre bei Kilometer 38 eigentlich bereitgestanden. Aber ich war für die Veranstalter an diesem Tage ein billiger Läufer. Kein Haferschleim, kein Schmalzbrot, kein Kuchen, kein Bier.
Ich sehnte mich jedoch nur noch nach den herrlichen Pipstönen der Zeitmessanlage auf dem Sportplatz von Schmiedefeld. Nach 5:12 Stunden ist es dann soweit. Ein Lächeln für den Fotografen, ein Stück Apfel, ein Becher Wasser und ein Sitzplatz, Welt was willst Du mehr. Das sind Momente wo Selters zu Champagner werden.


Hans Pertsch, Mai 2013

 


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