Mein Paris Marathon 2008

                 Zweiter Anlauf in der französischen Hauptstadt

Als ich vor vier Jahren nach meinem ersten Marathon wieder den Boden des heimischen Pirmasens berührte, kam es mir vor als würde ich schweben. Am liebsten hätte ich jeden der mir begegnete umarmt. Weder die Laufzeit noch die Begegnung mit dem Hammer-mann am Ende des Laufes schien mich damals irgendwie zu interessieren.

Heute nach dem 10.Marathon ist alles ganz anders. Keine Umarmungen auf der Straße, kaum Anrufe von Freunden, der Alltag hat mich sofort wieder im Griff.

 

Immer wieder verwundern mich die Zahlen der Marathon-Veranstalter. 35.000 Anmeldungen waren nach einer Pressemitteilung bereits im Dezember eingegangen. 29.706 Läuferinnen und Läufer waren jedoch "nur“ am Start. Welch ein Schwund.
Und eine andere Zahl geht noch weiter auseinander. Bis zu 1.Million Menschen werden jährlich als Zuschauer beim Marathon erwartet, hieß es in einer Vorankündigung des Laufes.
Die offizielle Zählung von gestern brachte es jedoch nur auf bescheidene 200.000 Zuschauer. Für eine Weltstadt wie Paris eine eher spärliche Kulisse.
Vielleicht kann man aber auch von einer Stadt die quasi jede Woche eine Großveranstaltung hat nicht erwarten, als einfacher Marathonläufer mit einem roten Teppich empfangen zu werden.

So war vieles an der Organisation zu kühl und nicht sonderlich flexibel. Auch in
unserm Hotel kam man den Läufern nicht sonderlich entgegen. Das Hotelzimmer musste um 12.00 Uhr geräumt werden, obwohl es Sonntags so gut wie keine Neuankömmlinge gab.


Viele abreisenden Läufer mussten daher die Toilette des Hotel als Umkleideraum benutzen.
Kleinigkeiten die im realen Leben nebensächlich sind, sieht man nach einem strapaziösen 42km Lauf ganz anders.
Entschädigt wurden dafür alle die Paris mit offen Augen betrachten. Ob es dauerhaft schön ist in diesem Menschengewühle zu leben und von Konsumgütern überschüttet zu werden, ist eher zweifelhaft. Aber dem einmaligen Betrachter bieten sich unglaubliche Bilder.

Die Gedanken einige dieser Prunkstraßen morgen laufen zu müssen (dürfen) sind in diesem Moment vergessen. Leider zeigt sich der Wettergott in Paris zwischendurch immer wieder von seiner schlechten Seite. Regen und Sonnenschein wechseln sich immer wieder ab. ( Bild : dichter Verkehr )
Erst am Abend holt mich die Nervosität wieder ein. Beim gemeinsamen Abendessen mit "Leidensgenossen" aus Pirmasens fällt es mir schwer meine Gedanken zu sammeln. Der Selbstzweifel an einem ordentlichen Lauf am nächsten Morgen ist übermächtig. Noch nie vor einem Lauf musste ich im Vorfeld mit so vielen gesundheitlichen Problemen kämpfen wie bei diesem Marathon. "Reicht die Kraft und vor allem die Luft", waren meine ganzen Gedanken.

 

Am Sonntagmorgen hatten sich die „bösen“ Gedanken aufgelöst. Trotz tiefer Temperaturen entschloss ich mich "kurz" zulaufen, was sich später als richtig erwies. Der Marathonstart am Triumpfbogen war nur 10 Gehminuten entfernt. Ein kurzer Abschied ( bin ja nur 3:45 Stunden lang weg) und schon stand ich allein unter 30.000 Mitläufern. Hatte ich jedenfalls geglaubt.


Plötzlich steht der Homburger Läufer Peter Kappes direkt neben wir. Über das Internet hatten wir geflachst uns beim Parismarathon mitten unter 30.000 Läufern zu treffen. Nun sind wir nicht nur zufällig im gleichen Zug gefahren, sondern standen auch am Start nebeneinander.
Inzwischen war auch mein Pirmasenser Laufkollege Norbert Bopp zu mir aufgerückt, ihn hatten übereifrige Ordner in einen anderen Startblock verfrachtet. Beide sind später weit vor mir im Ziel angekommen.


Knapp zehn Minuten nach dem Startschuss laufe ich über die Startlinie. Es geht los. Das Kopfsteinpflaster des Champs-Elysees ist knochenhart für die Füße und es scheint nicht zu enden. Nach knapp 2 Kilometern am Place de la Concorde kommt endlich die Erlösung.
"Weicher" Asphalt ist wie Balsam für die Füße. Das Läuferfeld liegt noch so dicht gedrängt dass von allen Seiten geschuppst und getreten wird.
Bauch einziehen und durch. Es ist nicht überliefert ob mein Puls vom laufen oder von Madame so angeregt war. Auf jeden Fall waren viele hübsche Damen entlang der Strecke echte Augen-weiten.


Bereits nach wenigen Kilometer merke ich, dass ich meine Tempovorgaben nicht halten kann.
Erst entschwindet mir der 3:45er Pacemaker später zieht auch der Tross der Vierstundenläufer vorbei. Ich entschließe mich ohne Groll auf Ankommen zu laufen und dabei das eine oder andere schöne Foto zu schießen.

Bei KM15 wäre es beinahe passiert um mich. Eine „durstige“ Läuferin nimmt mir beim
Getränke holen rücksichtslos die „Vorfahrt“. Ich versuche auszuweichen und komme auf einer Orangenschale so richtig in Schwung. Kurz vor der Bodenberührung fängt mich irgend ein Glücksengel auf und ich stehe plötzlich wieder auf meinen Beinen. Ich darf (muss) weiterlaufen.
Einer der schönsten Streckenabschnitte ist zwischen Km 25 und Km 30. Entlang der Seine läuft man direkt auf den Eiffelturm zu. Hier finden sich auch die meisten Zuschauer ein.
Zum ersten Mal während des Laufes werde ich in deutsch angefeuert. Meine schwarz-rot goldene Kopfbedeckung scheint in der großen Masse aufgefallen zu sein. Ein schönes Gefühl das meinen Geist wieder aufweckt.


Im Tunnel wird der Mann zum Kind. Obwohl die stickige Luft die Kehle zuschnürt, stößt Jedermann so laut wie möglich undefinierbare Töne aus. Das ohrenbetäubende Geräusch treibt mich mit schnellen Schritten Richtung Ausgang. Nach schätzungsweise einem Kilometer ist der Spuck rum. Das Tageslicht hat uns wieder. Gewollt oder nicht ? Aber meine Frau als Fotografin hat es erkannt. Bei Kilometer 31 kann man schon in Schräglage geraten. Der Mann mit dem Hammer lauert für die meisten Läufer meiner Leistungsklasse irgendwo auf den nächsten Kilometern.


Ein letzter Blick geht Richtung Eifelturm. Die nächsten Kilometer werden im Grünen
gelaufen. Zum Parc Bois de Boulogne mit der berühmten Tennisanlage Roland Garros sind es noch wenige Kilometer. Am Ausgang dieses Parks erscheint zum ersten Mal ein Schild mit einer 4 davor.
In meinem „früheren“ Leben hätte ich wahrscheinlich der Versuchung nicht widerstehen können. Heute dagegen ist das kein Problem mehr. Obwohl hier deutsch-französische Verständigung perfekt klappt, lehne ich dankend ab.


In der französischen Hauptstadt wimmelt es nur so von hübschen Frauen. Aber wer bitte, hat nach über 40 Kilometern noch ein Auge dafür. Nur für wenige Läufer hatte ihr „allez, allez“ noch einmal einen Redbull Effekt. Die meisten müden Krieger hatten nur noch "ihre" Mama am Ziel im Sinn.


Das Ziel vor Augen ! Ein ergreifendes Gefühl ! 42 Kilometer liegen hinter mir, noch wenige Meter dann ist mein 10.Marathon nur noch Geschichte. 4:36,31 Stunden sind alles andere als meine Wunschzeit. Ich nehme es gelassen. denn Ankommen ist immer ein Erfolg.
Auch Warten kann anstrengend sein. Irgendwo im Läuferpulk muss ich beim Zieleinlauf meiner Frau entwischt sein. Sie hat mich einfach übersehen und wohl immer ungeduldiger und mit Sorgenfalten auf der Stirn die Zeiger der Uhr verfolgt. Und auch modernste Kommunikationstechnik konnte uns nicht zusammen-bringen. Zu viele Handys hatten kurzfristig das Telefonnetz lahmgelegt.


Schwitzen oder frieren, Hunger oder Ekel, todmüde oder hellwach, alles ist möglich.
Zwischen "nie mehr" und Planung für den "Nächsten" geht jetzt durch die Köpfe der Läufer.
Kaum einer Draußen kann ermessen, was für ein Kraftaufwand und psychische Leistung notwendig ist, einen Marathon zu laufen.
„Alles halb so schlimm“, dröhnt es durch die Hotelhalle. Wie bei den Kriegserinnerungen unserer Väter sind die negativen Seiten schnell vergessen. Nur die schönen Dinge bleiben im Hinterkopf erhalten. Nach und nach trudeln die "Kämpfer" ein. Die einen ím flotten Schritt, die meisten eher schleppend. "Im Sitzen lässt sich das Leben gut ertragen", proste ich mit einer Tasse Kaffee zurück. Knapp 3 kg hat mich der diesjährige Parismarathon gekostet die wieder aufgefüllt werden müssen.
sur revoient Paris, wir werden wiederkommen. Zum Bummeln oder zum 3.Parismarathon steht heute noch nicht fest.

 

Hans Pertsch April 2008

 

 


Anrufen

E-Mail