Mein Frankfurt Marathon 2007

Es war der Lauf meines Lebens. Mit schwebender Leichtigkeit und dem Lungenvolumen eines Radrennfahrers lief ich dem Ziel entgegen. Das Reißen des Zielbandes und der Jubel der riesigen Zuschauermassen hallte noch in meinen Ohren als ich schon lange zum Stehen gekommen war. Endlich oben angekommen durchschoss es nur noch meinen Kopf während ich ungeduldig auf den Gang zum Siegerpodest lauerte.

Lange Zeit musste ich auf meinen Aufruf nicht warten. „Hans, es ist Zeit zum Aufstehen“.
Genau im falschen Moment ereilte mich der Weckruf meiner Frau und passte so gar nicht in meine Traumwelt, die plötzlich jäh und unvollendet ihr Ende fand.


So ganz langsam ordnete ich mein „Marathonleben“ wieder in richtige Bahnen.
Mein Lauf am Vortag war eigentlich ganz ordentlich, auch wenn am Ende drei Minuten an meiner Minimalwunschzeit gefehlt hatten. ( 4:02 Stunden ) Weder mein „krankes“ Knie noch meine sonst oft schwächelnden Waden hatten mir ernsthafte Probleme bereitet. Ich fühlte mich so richtig gut nach dem Lauf.


Aber woran war es gelegen, dass ich in der realen Welt wieder nicht auf´s Treppchen kam ?
Ein Philosoph würde es wahrscheinlich so betiteln :“Beschränke dich auf das Wesentliche, nämlich auf das Laufen, vor, während und nach dem Rennen.“ Ich mag aber eher den Leitspruch „die Welt hat tausend interessante Gesichter, betrachte sie, vor während und nach dem Rennen.“


Angefangen hat es mit der großen Pastaparty am Samstagnachmittag. Aber sind wir mal ganz ehrlich. Eine Großküche liefert keine Gourmetgastronomie, sie fördert höchstens den Wunschgedanken nach einem leckeren Essen. Obwohl ich von einigen Laufkollegen als Ernährungsguru verschrien werde, brechen auch bei mir an Marathonvorabenden manches Mal alle Kaloriendämme.

 

Der kleine Italiener mit seinen großen Pizzen in einem schnuckeligen Frankfurter Restaurante wurde zu einem echten Sündenfall.
In der Finanzmetropole Frankfurt kann es einem beim Betrachten der vielen
Bankhochhäusern schon ganz schön schwindlig werden. Über 300 Banken verwalten hier auch die Aktiva und Passiva von den meisten Läuferinnen und Läufer. Denn hier ist die ganze Geldwelt Zuhause. Da auch ich häufig Schleudertraumen mit meinen Konten erlebe, verhilft mir der geballte Anblick dieser Giganten nicht gerade zu einen ruhigen Schlaf.

Ein wohl allseits verwunderter Blick beim leeren der Tasche mit den Startunterlagen. Vier bunte Ostereier warten auf die Teilnehmer. Eine vierseitige Lektüre erklärte mir alles über Fettsäuren, Vitamine und die Nachtruhezeiten der Hennen bei Freihaltung. Trotz mehrfachen Lesens kann ich jedoch nirgendwo entdecken, ob sie auch Eigenschaften besitzen um mich den entscheidenden Tick schneller machen.
Wenige Kilometer nach dem Start zwingt mich ein alter Freund zum ersten
Zwischenstopp.Michel, berühmtester Marathon-Mitläufer aus Frankreich ist wieder
unterwegs. Beim Kölnmarathon hatte er mir bei einem Muskelkrampf wieder Mut
zugesprochen. Er schien mich wiedererkannt zu haben und fragte nach meinem
Wohlempfinden. Ich war gerührt und wir haben vereinbart uns beim Paris Marathon wieder zu sehen. Er auf französisch und ich auf deutsch. Ob das klappt ?

 

Der neuste Hit sind Stützstümpfe. Bisher kannte ich sie nur von meiner Oma. Aber es ist ja nichts Außergewöhnliches, wenn Altes wieder in Mode kommt. Von der Passform und dem optischen Eindruck dieser medizinischen „Notwendigkeit“ war ich bei dieser „Oma“ so fasziniert, dass ich über eine längere Zeit gar nicht bemerkte, dass deren Trägerin einen Schnitt läuft, der mich wohl erst bei Dunkelheit ins Ziel bringen würde. Schweren Herzens mussten sich unsere Wege wieder trennen.

 

„Schatz, ich will nur mal kurz einen Zwischenbericht erstatten. Mir geht es noch blendend, gleich bin ich beim Halbmarathon. Was, ich habe Dich gerade aus der Dusche geholt. Das tut mir aber leid mein Schatz. Nein, es stört mich nicht wenn Du mich später zurück rufst.“
Hier habe ich mich beim Zuhören unter Grausen ausgeklickt und fordere gleichsam ein Funkloch für alle Marathonstrecken der Welt.


Mein Gott, wie weit musste ich wohl vorne im Feld liegen um diese Berge von Bananen noch sehen zu dürfen ? Wie viele Läufer müssen nach mir noch kommen, um das alles essen zu können. Wahrscheinlich wird eine der Frankfurter Tafeln einen besonderen Festtag erleben.
Sei es Ihnen gegönnt an der vorbildlichen Verpflegung rund um die Strecke auch teilhaben zu dürfen. Obwohl Bananen nach neusten sportmedizinischen Erkenntnissen ihrem guten Ruf beim Marathon nicht mehr gerecht werden, gelten sie allein aber physiologisch für unverzichtbar.


Wahrscheinlich hat die Alte Oper die führenden neun Kenianer kalt gelassen, für mich war es ein Pflichtstop. In zwei Weltkriegen in große Mitleidenschaft gezogen, steht sie heute wieder im alten Glanz im Herzen von Frankfurt. Ob Liza Minelli, Das London Symphonie Orchestra oder Luciano Pavarotti ; alle Großen der Musikwelt haben hier gespielt, gesungen oder vorgetragen.

Das Auge immer auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Fotomotiv ist einerseits Leidenschaft und Sucht aber Andererseits oft auch ein Hemmnis wenn einem die Zeit geradezu wegläuft. Im Privatleben ist meine Frau oft ein Opfer von manchem ungeplanten Zwischenstop, beim Laufen ist es meine Stopuhr.

 

Ein fotografierender Laufkollege hat es einmal auf den Punkt gebracht wie man die Konflikte zwischen Laufen und Fotografieren am besten löst. „Im Zweifelsfall für´s schöne Bild.“
Allen unzufriedenen Menschen der Welt wünsche ich diesen Moment der Glückseligkeit. Ein Apfel, ein Becher Tee und ein Plastik-Kälteschutz ersetzen für einen Augenblick Kaviar, Champagner und Pelzmantel. Eine zwei Klassengesellschaft existiert im Hinterhof der Frankfurter Festhalle nicht. Wie sagte ein Läufer unterwegs treffend zu seinem Begleiter „

 

Hier hilft Dir auch Dein Porsche nicht.“ Nun aber Schluss mit Ausreden.
Warum komme ich wirklich nicht aufs Treppchen ? Ich bin einfach zu langsam !
Trotz großen Aufwandes lassen sich die Räder nicht zurückdrehen. Der Zahn der Zeit macht den Menschen langsamer. Wissenschaftliche Studien belegen, dass ab dem 35.Lebensjahr das Halten eines entsprechenden Leistungsniveau nur noch schwer möglich.ist.

Ein Leistungsabfall von bis zu 1% pro Jahr ist somit nichts Außergewöhnliches. Als Trost bei diesen düsteren Aussichten bleibt nur noch der Blick in die eigene Altersklasse. Hier kommt wieder bedeutend mehr Glanz in die schon matten Augen. Ein guter Platz im Mittelfeld lässt den Pulschlag wieder etwas ruhiger werden.
Drei Marathonläufe und der Extremberglauf auf die Zugspitze bescherten mir ein äußerst zufriedenstellendes Laufjahr 2007 und geben mir die Lockerheit über zwei hässliche Minuten mit einem müden Lächeln hinwegzugehen.


Text und Fotos Hans Pertsch 29.Oktober 2007

 


Anrufen

E-Mail