...immer auf Distanz zum Besenwagen

Um dem Thema die Spannung vorweg zu nehmen. Laufen ist nicht unbegrenzt schön. Es kommt auch bei einem  leichten Lauf nicht unbedingt immer Freude auf und noch weniger bei einer Distanz von 42195 Metern. Und trotzdem bin ich nahezu bei jedem Wetter draußen. „Der ist süchtig“ oder „der spinnt“ werden Sie jetzt denken. Nein ich glaube beides ist nicht richtig. Man muss Dinge nicht lieben um sie zu verrichten.

Damals, mit 50 habe ich die Welt noch ein bisschen anders gesehen. Lockerer , leichter unbeschwerter. Doch der Schein trog. Eigentlich war ich das Leben auf der Couch oder der Tribüne des Stadions längst leidig. Es fehlte nur die Initialzündung für den bereits innerlich gestarteten Motor. Der Tod eines ganz nahen Verwanden, der eigene Ekel vor Saufgelagen und ein verheerendes Gesundheitsbild meines Arztes sollten zum Wendepunkt meines Lebens werden.

 

Mit 105 km Lebendgewicht bin ich eines morgens losgetrampelt. Wahrscheinlich hat sich Mirca, meine begleitende Hundedame damals gefürchtet, als ich keuchend, bereits nach wenigen Metern, meine erste Pause einlegen musste. Aber es ging aufwärts, auf keine Schritte folgten schnell Große. Noch heute denke ich oft an die hochroten Köpfe nach den Läufen und den fürchterlichen Muskelkatern an den folgenden Tagen.


Heute, mit 63 Jahren und sehr stolzen 25 kg leichter, keuche und schwitze ich immer noch beim laufen. Vielleicht ist es etwas weniger geworden, aber ich kämpfe immer noch Meter für Meter zwischen Spass und Lauffrust.

 

Mit manchem Läufer, von dem ich in den Anfängen nur die Rücklichter sah, kann ich inzwischen auf Augenhöhe laufen. Auch das gehört dazu. Laufen ist Sport, und Sport ist Wettbewerb. Und ich gebe unumwunden zu, dass ich viel lieber vorne in der Ergebnisliste stehe wie an hinteren Ende. "Dabeisein ist alles", sind leere Worte, die selbst bei Volksläufen nicht zählen. 

 

Keuchende Anfänger dagegen haben meine größte Bewunderung. Ich verkneife es mir stehts sie darauf anzusprechen, was für ein langer Weg noch vor ihnen liegt. Denn Geduld ist das höchste Gebot des Läufers.

 

Hier liegt einer der Schlüssel des Erfolges. Eine, zwei oder gar drei Stunden zu laufen heißt auch, mit seinen Gedanken in dieser Zeit alleine zu sein. Aus diesen Stunden habe ich viel Kraft für das reale Leben neben dem Laufen geschöpft. Auch das ist ein Grund, warum ich auch dann als loslaufe, wenn ein tieferer Sinn nicht erkennbar ist.

Ein großes Problem verkennt man leicht. Mit steigender Form stellt man sich immer höhere Aufgaben und Anforderungen. Begnügte man sich anfangs mit 5 Kilometern schielt man später schon nach einem Marathon. Leicht vergisst man dabei aber, dass außer Kondition die Knie, Knochen, Bänder und Sehnen ein gewaltiges Mitspracherecht haben. Schnell sind große Träume geplatzt wenn Warnsignale des Körpers missachtet werden.

Ein artverwandtes Problem ist die Psyche. Gerade in der Vorbereitung zu einem Rennen ist diese oft scheren Schwankungen ausgesetzt. Selbst absolute Topläufer sind von Selbstzweifeln nicht verschont. Eben ist man noch ganz oben, im nächsten Moment beginnt die seelische Talfahrt.

Obwohl man in solchen Momenten viel Zeit für sich selber braucht, ist die moralische Hilfe von lieben nahestehenden Menschen ein hilfreicher Trost. Überhaupt spielt die Familie eine große Rolle. Wer mehr macht als joggen, der kann oft mit seinem Partner im Training nichts anfangen. Läufer sollten im Training immer mit mindesten Leistungsgleichen unterwegs sein. Es macht keinen Spaß auf jemanden zu warten bzw. jemanden hinterher zu hetzen.

Ein (wirklich) verständnisvoller Partner ist eine innerliche Beruhigung.Man bezahlt diese Vorgaben aber auch zurück. Tiefe Einblicke in die eigene Seele werden während des Laufes aufgenommen, Zusammenhänge von Mensch und Natur, Unzulänglichkeiten der Technik und das Wunderwerk des Universum ergründet. Man erlernt Menschlichkeit "leben"neu.

Ich glaube, diese Erkenntnisse haben mich in vielen Lebenslagen reifer, ruhiger und vor allem zufriedener gemacht.
Daher trample ich auch heute immer wieder los, und keuche und schwitze genauso wie damals als ich laufen lernte.

 

Und der Marathon selbst?

 

Man nennt ihn den privaten Mount Everest, bei dem das Ankommen der Lohn unglaublicher Anstrengung ist. Der Marathon wird für kurze Zeit der Mittelpunkt. Zwei bis drei Stunden nach dem Ersten im Ziel, und trotzdem ein Sieger sein.
Marathon ist nichts für Biertischwetten. Wer nach 42 Kilometer im Ziel ankommen will sollte erst einmal eine persönliche Bestandsaufnahme machen.

Selbstdisziplin, gesteigerte Willenskraft und Durchhaltevermögen sind ebenso wichtige Grundvoraussetzungen wie die Bereitschaft zu konsequentem Training.
42195 Meter sind einerseits eine unglaubliche Herausforderung an die Bequemlichkeit, und andererseits die Möglichkeit die Grenzen der eigenen Psyche zu finden. Wenn in der zweiten Hälfte des Laufes die Frage nach dem "Warum" kommt, wirst Du eine Mauer durchbrechen, die du ein Leben lang nicht vergessen wirst.

Die letzten Meter vor der Ziellinie bringen die Entschädigung für alle Qualen der letzen Stunden. Wie im Rausch schwebt man dem Ziel entgegen.
Der eine schreit die Freude raus, der andere weint vor Demut und der Dritte starrt regungslos gen Himmel als könnte er die Welt nicht mehr verstehen. Alle verbinden starke Gefühle wie Stolz und Respekt oder einfach nur Erfurcht.

Viele erschöpfte Läufer schwören am Ziel nie wieder einen Marathon zu laufen und melden sich reumütig am nächsten Tag zum nächsten Rennen an.
Wenn auch inzwischen ultralange Läufe die Lauf-Foren und Zeitungen beherrschen, bleibt ein gefinishter Marathon immer noch als Meilenstein im Läuferleben stehen. Große Stunden erfüllen sich auch am Ende von 42195 Metern.

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